Kunst an der Plakatwand, eine Art Resumee

Plakatwand:Karlsruhe
Das Ableben von Legenden scheint einem natürlichen Prozeß untergeordnet zu sein. Es passiert wie selbverständlich, im Nachgang wundert sich dann alle Welt über den Verlust einer Sache, die doch irgendwie selbstverständlich zum Leben dazugehört hat. Nein, ich schreibe keinen Nachruf. Eher schon einen Weckruf als Vorzeichen desselben. In der Kulturlandschaft der europäischen Gegenwart gibt es eine „épreuve dártiste“ der nicht zufällig in Karlsruhe entstanden ist. Die Akademie in Karlsruhe, ein der sich ältesten der deutschen Kunsthochschulen, ist nämlich eine echte Malerakademie, seit ihrer Gründung, nebenbei auch eine der profiliertesten. Das weiß man in Badens Hauptstadt, eine Besonderheit gleichwohl. Zur Malerei gehört neben einem Talent auch „Haltung“, ein Begriff der bald der Erklärung bedürftig sein wird. Diese Haltung hilft in diesem Fall über ein Dilemma hinweg, das sich folgendermaßen zeigt: Kunst ist elitär und jeder sollte sie doch irgendwie verstehen. Ja, liebe Freunde, Kunst ist elitär, bis sie einem geschenkt wird.
So ein Geschenk entstand vor 35 Jahren, als sich eine Werbeplakatwand vor dem Atelier von Angela Junk-Eichhorn frech aufbaute, was diese mit nämlichem Gegenbeweis, Kunst an der Plakatwand, egalisierte.
Indem sie „en face“, daneben, eine solche Fläche als Bildfläche anmietet, und mit Hilfe der in Karlsruhe praktizierten, elitären Malerei füllte und dieses Füllhorn der Masse dann zum Fraß vorwarf.
Die Reaktionen:
Kein Aufschrei des Unverständnis, Entsetzens, keine Ignoranz auch, sondern Akzeptanz bis ins letzte Glied. Und dass dann, in der Folge, bei 100 Künstlern in 35 Jahren und 50 Orten in Europa: die Malerei hat sich im öffentlichen Raum behauptet, hat die Zeit ihrer Rezeption eingefordert und beiden Seiten, den Malerinnen und Malern, sowie dem verehrten Publikum etwas abgefordert ; und viel geschenkt.
Die Idee dazu ist sicherlich nicht das Alleinstellungsmerkmal, andere haben auch in wilden Nächten am Stammtisch ähnliches gedacht und geäußert, man müsste mal…
Doch man muss es einmal wirklich machen.
All das ist gut dokumentiert, im Netz und in Büchern, in Köpfen und Seelen gespeichert, von Zeitungen und Journalen ausgiebig rezipiert. Es ist ein gesunder Stamm im Kunst und Blätterwald einer ganzen Generation. Nun ist es bei so selbstverständlichen Zuständen wie mit der Gesundheit: solange sie da ist, achtet man nicht. Allerdings im Krankenstand greint man bitterlich und wundert sich selber, wie wenig Bedeutung man der Gesundheit zu ihren Lebzeiten gezollt hat. Ein klein wenig ist das so mit der „Kunst an der Plakarwand“. Es wird nicht ewig weitergehen und der Zeitpunkt einer Reflektion über die Bedeutung dieser Geschichte ist gut gewählt. Es ist auch eine Geschichte von Kalsruhe, die neben dem KSC noch das ZKM, das KIT und die Musikhochschule sowie die AKA hat, um die kulturellen und wissenschaftlichen Schwergewichte einmal anzudeuten. Aus diesem Fundus von Hochkultur und demokratischer Gesinnung, von Bundesverfassungsgericht und Excellenzanspruch hat sich schon seinerzeit die erste Frauenmalschule entwickelt und man mit weiterem Blick viel mehr noc sieht. Das ist ja auch das Motto einer Plakatwand, schau mal; und nicht ganz zufällig entschstand hier die Litfassäule, ein Leuchtturm der Information. So will ich hier an das Leutturmprojekt auf der Wiese vor der Markuskirche erinnern, noch stehen die Wände zur freien Verfügung, für Jedermann




Nur wenige Beispiele von ca. 100, über die Jahre
Rede Marie Madeleine Noiseux
Sehr geehrte Besucher und Freunde der Kunst.
Um sich den Bildern der Malerin Marie Madeleine Noiseux zu nähern lade ich sie ein, mit mir ein wenig mit ihr mitzugehen. Wir sehen Landschaften und sehen Herbstfarben, Tiere und Menschen, alles ist irgendwie einladend und schön.
So war mein erster Gedanke der, sie zu einem Spaziergang mit den Bildern der Malerin mitzunehmen und, quasi en passent, einzuflechten was noch zu erwähnen wäre.
Schnell wurde mir klar, das gibt keinen Spaziergang. Aus Feld, Wald und Wiese wurde Weite, Wald und Weiß, die Beschaulichkeit weicht einigen Absoluta.
Bilder sind ja nie richtig erklärlich, aber sie sprechen mit uns, sind Sprache, Fremdsprache auch und gerade, wenn sie denn unverständlich oder rätselhaft scheinen, sind sie aus weiter Ferne doch so nah.
Die Malerei nämlich schafft Nähe: deren Vokabular, die Zeichnung, die Gegenstände, die Farben, die wir sehen, die Komposition die wir spüren, Empfindungen, die uns vertraut sind. Das alles kommt aus dem Fundus unserer Seherfahrung.
Ein wesentlicher Grund für das Malen ist es Klarheit zu schaffen; im Ordnen des Chaos der Welt realisiert sich viel künstlerische Arbeit, auch schafft sie eine eigene Sicht, ein Lobpreis auf das Individuum.
Einen Ort müssen wir jedoch noch einführen, ohne den ist unser Begleiten haltlos: Canada.
Die Herkunft der Malerin aus dem zweitgrößten Land der Erde, das bedeute 30 mal Deutschland in der Fläche und die Dichte der Bevölkerung, 2,4 Menschen pro qkm dort im Gegensatz zu 236 hier, also viel Leere, auch Einsamkeitserfahrung.
In den Bildern immer wieder Leerstellen, Platz für die Weite, Weiß und Wolken die die Unendlichkeit Puffernd, mehr als nur Zitat und Metapher sind.
Die Bilder sind Zeugnis einer Reise, die man durchaus als Lebensweg bezeichnen darf.
Geboren in Quebec, französisch Kanada,
Abitur, in englisch, die Familie amerikanisch orientiert, das Kunststudium in Montreal eine Einladung, 1983; in Paris im Grand Palais auszustellen als junge Vertreterin, mit anderen zusammen, die junge Kunst Kanadas zu repräsentieren.
Dann Atelier in Paris, Frankreich, neue Sprache, durchaus schon gelernt aber in seiner Gesamtheit ist Paris ein ähnlich weites Feld wie Kanada; nur fremder.
Hier ist jetzt alles viel dichter, kleinteiliger auch schneller und hektischer, willkommen in der europäischen Gegenwart. Wenn wir die Bilder betrachten sehen wir das alles.
Französische Eleganz, die Feinheit des Farbauftrags in der großen Tradition der Franzosen des 19. Jahrhunderts; hier, übrigens als Zwischenbemerkung eingefügt, kein deutscher Expressionismus, aber Romantik und die Entdeckung der Landschaft als Seelenlandschaft, wie wir es von Friedrich, Wolf, Runge und den vielen anderen Reisenden in Sachen romantischer Landschaft kennen.
Allerdings: es funktioniert kein Einreihen. Zu different, teils verstörend die Bilder der Malerin, deren Lebensweg in seiner Richtung den umgekehrten Weg der Einwanderung geht, weg von der Kolonie, vielleicht zurück zur Quelle. Vielleicht eine Art Lachsleben, jedenfalls ein ständiges Aufarbeiten und auch Einarbeiten von Erinnerungen.
Noch ein Einschub über die Arbeit des Malers im allgemeinen: in den seltensten Fällen geht die Malerin und der Maler mit einem genauen Plan an die Arbeit.
Die Malerei definiert sich nachgerade darin, einen Malprozeß zu führen. Das heißt in der Praxis, während des Malens fließt, bemerkt oder nicht, immer auch etwas von außen in die Bilder mit ein. Nicht selten überrascht das den Künstler selber, oder diese Selbsterfahrung ist sein erklärtes Ziel, etwas über sich und sein Verhältnis zur Außen-Welt zu erfahren, frei zu setzen, über das Malen.
Beim Betrachten der Bilder erfahren wir, Betrachter, also immer auch etwas über die Welt um das eigentliche Bild, mit anderen Worten: die Zeit malt mit.
Meine erste Begegnung mit Canada geht auf einen Schlager der 60er Jahre zurück. „Es war Winter in Canada, so weiß war das Land…“ der Refrain, ein melancholischer Hit, der für viele das Bild eines fernen Landes geprägt hat.
Weit das Land, Weiß und die Farben des Indian Summer, vertrauter Herbst zeigt sich, der Mythos Kanada schwingt mit, bei aller Vertrautheit der Bildgegenstände, Fremde herrscht immer auch in den Bildern Maries.
Die Dimensionen hier sind völlig andere.
Das Bild der Menschen sind einzelne. Während im Großraum Paris halb Kanada lebt, haben wir in den Bildern Staffagen, Umrisse, Individuen, nie Masse.
Und es sind nicht nur die Menschen und die Fläche, es ist die Kälte des Polarkreises, die unendlichen Wälder mit Schneeweiß und Seen ungesehen Ausmaßes, die Kanada als Maßstab liefert. Schneegänse, die bei uns hier auch Kanadagänse heißen, bevölkern als gleichberechtigte Schatten eine Welt, in der die Natur die Hauptrolle spielt.
Die Bewegung, die hinter den Bildern steckt ist eine Bewegung der umgekehrten Kolonisation, es ist die Definition einer Korrektur der Geschichte.
Was sehen wir noch?
Vieles, und vieles mehr, über das kein Stab zu brechen ist, keine Deutung zu stülpen ist und kein Schlußwort zu halten. So entdecken wir diese Bilder, kein Spaziergang aber eine Tour d‘Horizont um die halbe Welt mit Zwischenstation in Edenkoben.
Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit. (3.11.2023)
Keine Rede,
aber einige Gedanken zu Marie Madeleine Noiseux und ihren Bildern.
Reden sind langatmig, lästig und belanglos. Ich weiß es.
Und die Vorstellung, daß uns der Redner den Himmel auf die Erde holt, daß wir alle daran teilhaben können, ist abwegig. Es gilt in der Kunst wie im Leben: man muß sich strecken, wenn man wachsen will. Woran liegt das, gerade hier bei zeitgenössischen Bildern, wo man händeringend nach einem Ariadnefaden sucht?
Zugrunde liegt ein Mißverständnis, über das ich hier kurz sprechen möchte. Erstens: sie brauchen gar keine Erklärung, sie sehen ja alles selber. Zweitens: Es liegt im Wesen der Malerei, daß dieselbe zwar eine Fremdsprache ist, aber eine deren Vokabular wir durchaus verstehen.
Farbe und Form, Struktur, Zeichnung und Komposition sind eigentlich jedem Sehenden Menschen geläufig.
Und meine wesentliche Botschaft gleich vorneweg: darauf können Sie sich verlassen.
Trauen sie ihren Augen.
Ein wichtiger Zugang zur bildenden Kunst ist immer die Stimmung, die von einer Arbeit ausgeht. Drittens: sie dürfen sich durchaus etwas trauen.
Elisa Gabbai, eine Schlagersängerin aus Israel, hatte 1966 einen Hit, ihr größter, der hieß: „es war Winter in Canada, so weiß war das Land“, in meiner Erinnerung schob sich bei mir der Fehler ein „so weit war das Land“.
Egal ob weiß oder weit, beides gilt für das Land in besonderer Weise und der melancholische Grundton des Schlagers unterstreicht diese der Größe und Kälte geschuldeten Sicht auf Canada.
(Man kann sich natürlich auf die Position zurückziehen, ein Bild gefällt mir, spontan, oder eben nicht. Und ebenso natürlich ist, wenn einem etwas nicht gefällt wird man sich nicht durch noch so große Argumentation vom Gegenteil überzeugen lassen. Aber darum geht es hier nicht.)
(Worum also dann?)
Es geht um Malerei die man mit Recht als Sprache bezeichnen kann. Es ist darüber hinaus eine Weltsprache, die jeder spricht und das seit, wahrhaft, Menschengedenken. Wenn ich also etwas über eine Kultur erfahren möchte, betrachte ich deren Bilder. Dahinter steckt, neben der schlichten AnWesenheit von Kunst die Definition derselben, Kunst kommt nämlich nicht von Können sondern von Künden, als höchstentwickelte Kommunikationsform. Der Beweis: schauen Sie sich einmal die Höhlenbilder von Lascaux an, ca. 20 000 Jahre zurück. Sie schauen Sie in eine längst vergangene Zeit und verstehen, was diese Bilder in Gang gesetzt hat. Sie begreifen die Ästhetik, die Machart, den Duktus und bei entsprechender Konzentration gelingt ein sich Vorstellen der damaligen Zeit. Das gilt für alle Epochen, auch die 20er Jahre, und das oft besser weil plastischer als über Fakten und Daten in Geschichtsbüchern. Das dies nicht Deckungsgleich mit der Wirklichkeit ist, liegt letztlich im Wesen der Zeit begründet und gilt im Übrigen auch für die neuesten Medien.
In diesem Sinne begleiten Bilder unsere Zeiten und die Künstler, Maler, kommentieren diese Zeiten. Überhaupt eine gute Definition der Künstler: sie geben einen Kommentar ab zur Zeit. Bei allem Privatem malt die Zeit ständig mit, in aller Regel malt die Zeit mehr als das Individuum, letzter ist eigentlich nur Medium.
Zurück zur Malerin MNN:)
Marie Madeleine kommt aus Kanada, geboren in Montreal, hat viele Jahre dort gelebt und eine wichtigen Teil ihrer Prägung handelt von den Erfahrungen dort. Ich würde es nicht erwähnen, wenn es nicht sichtbar in ihren Bildern wäre. Sie kommt aus einer englisch amerikanisch geprägten Familie aus dem französischen Teil Kanadas, macht ihr Abitur in Englisch, studiert Kunst und wird 1982 eingeladen mit anderen, im Grand Palais in Paris, auszustellenderweise, ihr Land und die junge Kunst zu vertreten. So landete sie in Paris mit eigenem Atelier und wurde in Frankreich vorübergehend seßhaft, mit begrenzter Aufenthaltserlaubnis.
Während Frankreich irgendwie wie Deutschland ist, nicht genau natürlich, ist Kanada jedenfalls anders. Wenn ich mir so ihre Bilder ansehe ist ein gewisses Befremden mitschwingend. Es geht oft auch um eine Leere, eine Weite, um Weiß und es es ist nicht schädlich zu wissen daß Kanada das zweitgrößte Land der Erde ist bei 37 Milionen Einwohnern, das macht eine Bevölkerungsdichte von 2,4 pro qkm, in Deutschland kommen wir auf 236. Wenn Marie zu ihrem Nachbarn fährt, ist ihr vierradgetriebener Wagen vollgetankt, sie meldet sich an und ab, hat Ausrüstung dabei, ist sorgsam. Ansonsten ist eine Ausfahrt möglicherweise tödlich. Das fällt mir so ein bei den Bildern, die bei aller Schönheit immer auch eine Kälte hinterlassen, vor Ort waren das im Winter 40 Grad minus, wenn sie mit den beiden Hunden raus musste, und da müssen die Handgriffe sitzen.
Es wäre unvernünftig nicht anzunehmen, daß diese Erfahrung auch prägend ist. Alles an der Bildern ist ordentlich, zum Teil sehr dekorativ angeordnet, Französische Eleganz und Ästhetik kommt mir in den Sinn, im neuen Land wird sehr viel Wert auf Ästhetik gelegt.
Der Reisende ordnet seine Sachen, auch die Eindrücke, schon um den Überblick zu behalten, manchmal auch um nicht verrückt zu werden. Ich traf vor vielen Jahren MMN in Burgund, in Paris, dann in Straßburg, in Karlsruhe, inzwischen ist sie Deutsche und lebt hier.
Ich sehe in ihren Arbeiten eine festgehalten Bewegung über die halbe Welt, unsere Welt, mit geordneten Reiseeindrücken in starken Metaphern. Wenn man so will ist es eine dem Kolonialismus entgegengesetzte Bewegung, eine Rekolonialisierung der Alten Weltunter dem Blickwinckel der Neuen Welt.
Und wieviel herrliche Farben, Indian Summer, die Pfalz im Herbst, der Wald und die Zuggänse, die bei uns hier auch „Kanadagänse“ heißen, alles auf einem kleinen Bild, und dazwischen sehen wir die Weite, das Weiß, das Fremde, was die Botschaft der Weitgereißten ist.
So lade ich sie ein gemeinsam auf eine kleine Urlaubsreise mit den Augen zu gehen, Assoziationsoffen im Vertrauen auf die Richtigkeit der Sprache der Malerei.
Stefan Kunze




















Heute, am 27.9.2026 endet die Kunst an der Plakatwand mir einer Finissage und Reden



































